Sie schaufelt Sand über die frisch gelegten Eier, macht sich erschöpft auf den Weg zurück ins Meer und schwimmt – 25 Tage lang, von Bonaire bis nach Jamaika. Eloise ist eine Karettschildkröte und Jamaika ihr Zuhause, aber ihr Instinkt schickt sie jedes Jahr an den Strand von Klein Bonaire, ihren Nistplatz, an dem sie einst selbst aus dem Sand gekrabbelt kam.
Wo sich Eloise gerade aufhält, verrät ein Satellitensender, der an ihrem Panzer angebracht ist. Das wirklich Besondere an ihr ist jedoch nicht das Funksignal, sondern ihre Patin: Königin Beatrix der Niederlande höchstpersönlich, offizielles Staatsoberhaupt der niederländischen Antilleninsel Bonaire, benannte die Karettschildkröte nach ihrer eigenen Enkelin, sponserte den Sender und sorgte daheim in Holland für viel Publicity für die karibischen Meeresbewohner.
Und die haben sie bitter nötig. Seit rund 100 Millionen Jahren kommen Meeresschildkröten an die Strände der Karibik, um dort ihre Eier abzulegen. Im Laufe der Jahrtausende hat sich ihre Welt verändert, doch niemals so drastisch wie in den vergangenen Jahrzehnten. Zwar ist inzwischen der Fang der Schildkröten verboten, aber die Bebauung der Strände, im Meer treibender Plastikmüll und kommerzieller Fischfang haben die Populationen der Karettschildkröte, der Lederschildkröte und der Grünen Meeresschildkröte weiter dezimiert.
Damit die faszinierenden Urzeittiere nicht aus der Karibik verschwinden, setzt man sich dort inzwischen überall für ihren Schutz ein und erforscht Migrationsrouten und Verhalten. So auch in Bonaire. Von Mai bis Oktober kommen die weiblichen Tiere dort an Land, um Eier zu legen, die meisten davon am „No Name Beach“ auf der unbewohnten Insel Klein Bonaire. Seit 1991 kümmern sich die Mitglieder der Organisation „Sea Turtle Conservation Bonaire“ (STCB) um die Besucher aus dem Meer. Aber auch die übrigen Bewohner beteiligen sich am Schutz „ihrer“ Schildkröten. Den liebevollen persönlichen Einsatz der Bonairianer dokumentiert nun der neu erschienene Jahresreport der STBC. Jede einzelne Rettung, wie etwa die der Lederschildkröte, die sich in einer Langleine samt Unrat verheddert hatte und nicht mehr daraus befreien konnte, wird akribisch aufgelistet.
Auch die Reiseroute von Eloise ist im STBC-Report verzeichnet. Über tausend Kilometer hat sie schon zurückgelegt, schwamm geradewegs durch den Hurrikan Felix und erholt sich vor der Küste Jamaikas für den nächsten „Ausflug“ nach Bonaire. Aber nicht alle Reisen der im Wasser so beeindruckend entspannt dahinschwebenden Urzeittiere enden glücklich. Eine im Januar angeschwemmte Grüne Meeresschildkröte hatte beide Vorderflossen verloren, vermutlich durch Nylonfangleinen, die sich zuziehen und tief ins Fleisch schneiden. Im offenen Meer wäre sie mit dieser Behinderung wohl verhungert. Aber inzwischen frisst sie wieder mit gutem Appetit, im Sea Aquarium von Curaçao. Vielleicht schaut dort die Königin bei ihrem nächsten Besuch vorbei.